Trendbeleuchtung: Faktencheck Straßenausbau

Beleuchtung verschiedener im Umlauf gebrachter Behauptungen.

Stadtstraße Aspern

Aus dem Büro der Wiener Verkehrsstadträtin wurde im Dezember 2021 mehrfach in Aussendungen eine "Factbox Stadtstraße" versandt, die sich mit der (u.a. durch den bestehenden Stadtteil Hirschstetten und den künftigen Stadtteil Hausfeld verlaufenden) Stadtstraße Aspern (derzeit in Bauvorbereitung) befasst. [1]
Hier, Punkt für Punkt, eine kleine Betrachtung von Aussagen dieser "Factbox" samt →‎ Faktencheck.


Zitat "Die geplante „Stadtstraße Aspern“ ist eine 3,2 Kilometer lange Gemeindestraße und verbindet die Seestadt Aspern mit der Südosttangente (A23). "
 
→‎ Die Stadtstraße führt nicht zur Seestadt, sondern endet davor im Feld südlich des Heidjöchls. Die Anschlussstelle zur Seestadt wäre Teil der S1-Spange vom Bund, für die (Stand 11. Dezember 2021) noch nicht alle rechtlichen Verfahren abgeschlossen sind. [6]


Zitat "die „Stadtstraße Aspern“ ist keine Autobahn, sondern eine ganz normale Gemeindestraße."
 
→‎ Sie ist wie eine Autobahn trassiert, hat Tunnels, Lärmschutzwälle und keine Gehsteige. Mit etwas, das gemeinhin unter einer "normalen" städtischen Straße verstanden wird, hat sie daher wenig gemein außer Tempo & Verwaltung.


Zitat "Sie bündelt den Verkehr"...
 
→‎ Nur in Hirschstetten (hierbei zudem durch bewohntes Gebiet, teilweise oberirdisch), jedoch nicht auf zahlreichen anderen belasteten Straßen, wie Verkehrswissenschaftler Ulrich Leth bereits in einer Karte dargestellt hat. [2]
Die beste Bündelung von Verkehr sind übrigens Öffis.


Zitat ..."und entlastet so die Wohngebiete der Donaustadt vom Verkehr."
 
→‎ Die Prognosen sagen voraus, dass eine Entlastung der Ortskerne nur durch verkehrsberuhigende Maßnahmen in Ortskernen sowie Öffi-/Rad-Ausbau erfolgen würde und für solche braucht es laut Verkehrswissenschaft nicht zwingend eine hochrangig gestaltete Straße. Im Gegenteil: Breite, kreuzungsfreie Straßen fördern erst wieder die Autonutzung und somit eine – selbst bei Elektroantrieb – äußerst ineffiziente Form der Mobilität hinsichtlich Platz- und Energieverbrauch. Den Zielen der Stadt Wien, den Anteil des Autoverkehrs auf 20 Prozent bis 2025 sowie danach auf 15 Prozent zu senken, steht eine solche Vorgangsweise daher entgegen.


Zitat "Der Bau von günstigen Wohnungen in den Stadterweiterungsgebieten für 60.000 Menschen hängt direkt oder indirekt an der Umsetzung der Straße ab."
 
→‎ Laut ausführlicher Recherche des Nachrichtenmagazins Profils ist das unbelegt. [3]


Zitat "S-Bahn, U2, Bim und Bus sind bereits ausgebaut bzw. werden weiter ausgebaut."
 
→‎ Bei Öffis im Bezirk besteht dennoch ein Rückstand. Zudem gab es neben Ausbauten sogar Ausdünnungen des Angebots:
S-Bahn: Die S-Bahn-Linie S80 (gemeinsam mit Regionalzügen, die überall hielten) fuhr 2004 noch alle 20 Minuten, heute nur mehr alle 30 Minuten. Und: Zwei S-Bahn-Stationen an der S80 (Lobau und Hausfeldstraße) wurden geschlossen. Die S-Bahn-Linie S7/S8, welche Stadlau mit der Breitenleer Straße, sowie mit Leopoldau & Floridsdorf verband, wurde 2010 gänzlich eingestellt, die Station bei der Breitenleer Straße wurde inzwischen abgetragen. Der Stundentakt und fehlende zusätzliche Stationen waren nicht attraktiv genug, um das Fahrgastpotenzial zu nützen, investiert wurde jedoch nicht.
Da heute mehr regionale Züge als früher unterwegs sind, ist der Platz auf den Gleisen knapp geworden. Wenn von mehr Donauquerungen gesprochen wird, könnte anstatt einer Lobauautobahn daher auch zum Beispiel an einen Ausbau der Ostbahnbrücke auf 4 Gleise gedacht werden.
U-Bahn & Straßenbahn: Der 2013 erfolgte Ausbau der U-Bahn-Linie U2 und der Straßenbahnlinie 26 sowie deren künftige Abzweigung in Form der Straßenbahnlinie 27 waren/sind wichtig, reichen aber nicht. Eine Tram nach Groß-Enzersdorf war schon im "Masterplan Verkehr 2003" der Stadt Wien enthalten, ist aber bis heute, fast zwei Jahrzehnte später, nicht umgesetzt worden. Auch eine Straßenbahn in die südliche Seestadt sollte bis 2019 kommen [4], wurde aber nicht gebaut.
Bus: Bei Busintervallen ist das Bild ambivalent. Es gab immer wieder Verbesserungen, aber auch Ausdünnungen der Intervalle. Auf einigen Linien bzw. in einigen Stadtvierteln waren die Intervalle vor wenigen Jahren dichter als heute: Verkehrsgewebe | Chronik


Zitat "Stadtstraße schafft Raum für weitere „Öffis“ und 2,6 Kilometer neue Radverbindungen."
 
→‎ Die "Stadtstraße" schafft Platz für Autos. Öffis & Radwege könnten schon jetzt ausgebaut werden und somit die Straßen durch Alternativen entlasten. Gerade Straßenbahnen sind um ein Vielfaches platzeffizienter als der motorisierte Individualverkehr und können sowohl entfallene Fahrspuren kompensieren als auch Kapazität für Bewohnerinnen und Bewohner aus künftigen Stadtvierteln bieten.
Dies betrifft Niederösterreich übrigens genauso. Etwa endet der Radweg der Breitenleeer Straße ins Marchfeld derzeit an der Wiener Stadtgrenze im Feld, weil der Raasdorfer Bürgermeister wörtlich meinte: "Zuerst die Schnellstraße, dann der Radweg". [5]
Viele Städte wie Paris zeigen derzeit, wie schnell neue Radinfrastruktur gelingt, ohne zuvor eine hochrangige Straße zu errichten. Fahren mehr Leute Rad, braucht es weniger Platz für Autos. Der flache 22. Bezirk in Wien bietet gute Voraussetzungen für viel mehr Radverkehr.



Einzelnachweise:
1: Presse-Service der Stadt Wien: "Sima/Nevrivy: Nach grünem Licht der Umweltministerin zur Stadtstraße: Jetzt rasch mit dem Bau leistbarer Wohnungen beginnen!" (abgerufen am 11.12.2021)
2: Ulrich Leth auf Twitter (abgerufen am 11.12.2021)
3: profil.at: "SPÖ im Faktencheck: Ohne Stadtstraße keine Wohnungen? Naja." (abgerufen am 11.12.2021)
4: derstandard.at: "Sammelgaragen und ein erster Bus zur U-Bahn" (abgerufen am 11.12.2021)
5: Wiener Zeitung Online: "Gefangen im Einfamilienhausteppich" (abgerufen am 11.12.2021)
6: Barbara Laa auf Twitter (abgerufen am 11.12.2021)