Trendbeleuchtung - Pauschalnetz

In der Schweiz besteht schon seit den 1990er-Jahren mit dem Generalabonnement eine Jahreskarte für den öffentlichen Verkehr, die zu Fahrten mit Bahnen, Bussen und Stadtverkehren im ganzen Land berechtigt. In Österreich blieb es bisher diesbezüglich zunächst bei Absichtserklärungen, in manchen Verkehrsverbünden gab es bis zuletzt keine Jahresnetzkarten. 2021 hat die Regierung die Umsetzung aus Klimaschutzgründen in Angriff nehmen und zu einem Abschluss führen können, sodass nun unter der Bezeichnung Klimaticket günstige Angebote sowohl für ganz Österreich als auch für die einzelnen Bundesländer bestehen.

Da der finanzielle Aufwand für den Staat beträchtlich ist, weil es sich in vielen Fällen um massive Preissenkungen für den Fahrgast handelt, werden immer wieder kritische Stimmen am Vorhaben laut. Diese drehen sich meist entweder darum, dass die Mittel lieber in den Angebotsausbau gesteckt werden sollen, weil der Preis der Fahrkarte ein vernachlässigbares Kriterium und weil ohne ausreichendes Angebot ein günstiger Fahrschein sinnlos sei, oder darum, dass eine solch günstige Jahreskarte unerwünschte Effekte auf Umwelt und Klima bringe, etwa mehr Fahrten zum Spaß in der Freizeit, mehr Pendeln und somit mehr Verkehr insgesamt sowie möglicherweise auch mehr Zersiedelung.

Nachfolgend einige Gründe, welche positiven Aspekte bei einer solchen Kritik unberücksichtigt bleiben oder wo kritische Seiten von positiven Effekten aufgewogen werden. (Diese sind auf das Beispiel Österreich bezogen. In anderen Ländern wie Deutschland, wo teilweise gänzlich andere Finanzierungsstrukturen sowie Eigentumsverhältnisse und Handlungsspielräume von Verkehrsgesellschaften vorherrschen, gelten eventuell andere Rahmenbedingungen.)

Vorteile von landes- und bundesweiten Jahresnetzkarten zu einem Pauschalpreis

  • Bringt ÖV-Attraktivierung. Zunächst natürlich das eigentliche Ziel der günstigen Jahreskarte: Ein günstiger Preis macht den öffentlichen Verkehr (ÖV) attraktiver, da weniger darüber nachgedacht wird, ob sich eine Jahreskarte auszahlt, und bietet einen Anreiz, vom Auto auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen und somit im hinsichtlich Treibhausgasemissionen besonders problematischen Sektor Verkehr etwas zum Klimaschutz beizutragen.
  • Erleichtert Nutzung. Mit so einer Karte jederzeit in ein Verkehrsmittel einzusteigen zu können, ohne sich mit unterschiedlichen Tarifsystemen eines Liniennetzes beschäftigen zu müssen, ohne sich mit der Funktionsweise von Fahrkartenautomaten oder Apps herumschlagen zu müssen, ohne genug Bargeld eingesteckt oder eine Kreditkarte haben zu müssen, ohne sich um ausreichend Akkustand oder Mobilfunkempfang seines Smartphones sorgen zu müssen, ist eine massive Erleichterung und erhöht die Zugänglichkeit des ÖV stark. Da bei der Verkehrsmittelwahl üblicherweise jenes Verkehrsmittel, bei dem der geringste Widerstand anfällt, gewählt wird, spielt dies eine entscheidende Rolle.
  • Bringt und erhält Freiheit. Eine günstige Netzkarte bietet die Möglichkeit, wirksam die Personenmobilität vom Pkw zum öffentlichen Verkehr zu lenken und generell die fürs alltägliche Leben nötige (Arbeitswege, etc.) Mobilität sicherzustellen, als auch eine zusätzlich auf die Freizeit erweiterbare Mobilität zu ermöglichen und somit die für hohe Lebensqualität wichtige Freiheit, irgendwohin fahren zu können, zu behalten - ohne das Klima mit Autofahrten, bei denen es die externen Effekte zu internalisieren gilt, zu belasten.
  • Ergänzt Sozialpolitik. Angesichts politischer Entwicklungen, unter denen verschiedene Sozialleistungen vermehrt unter Druck stehen und wirtschaftliche Erfolge bei großen Teilen der Bevölkerung ohne Effekt bleiben, halten günstige ÖV-Zeitkarten mit konstanter Leistbarkeit einen gewissen Lebensstandard aufrecht, der einerseits Mobilität und somit Erfüllung der wichtigsten Bedürfnisse und zusätzlich durch die Netz-Funktion ein gewisses Maß an Freiheit und somit zusätzliche Entfaltungsmöglichkeiten ermöglicht. Da der günstige Preis allen Menschen zusteht und nicht nur wirtschaftlich schwachen Personen, ist auch die Akzeptanz hoch und es erübrigen sich etwaige Neiddebatten. Auch für ältere Menschen im ländlichen Raum ohne Auto und/oder mit geringem Einkommen wird durch günstigen ÖV eine selbstständige Ermöglichung von Erledigungen und eine Teilhabe am sozialen Leben ermöglicht.
  • Vermeidet Überwachung. Bisherige Ambitionen, verschiedene Tarifsysteme und deren Kombinierung für Fahrgäste zu vereinfachen, liefen zuletzt zunehmend darauf hinaus, dass per einzelnem Fahrscheinkauf verschiedene Teilfahrscheine inkludiert sind und die Abrechnung im Hintergrund erfolgt. Dies ist jedoch nur möglich, wenn der Fahrgast entweder immer noch mehrere Fahrscheine für Teilstrecken erhält oder wenn eine intransparente Summierung erfolgt oder wenn die gesamte Fahrt per App und GPS oder mit Chipkarten und Lesegeräten aufgezeichnet wird, somit einer Person zugeordnet und diese damit überwacht wird. Das Beispiel Hongkong während der dortigen Proteste zeigt, um wie viel aufwändiger die Nutzung anonymer Alternativen nach Einführung eines Chipkartensystems im Fall der Fälle ist. Eine bundesweite ÖV-Jahreskarte, bei der die interne Abrechnung klar geregelt und durch automatische Zählungen beim Fahrgastwechsel und zusätzliche manuelle Erhebungen zur Verfeinerung der Einnahmenaufteilung erfolgt, hält die Möglichkeit, sich frei fortzubewegen, aufrecht, ohne fürchten zu müssen, dass die Bewegungsdaten bewusst oder unbewusst in falsche Hände geraten.
  • Beschleunigt Fahrten. Ohne attraktive Jahreskarte, die auf hohen Zuspruch und starke Verbreitung baut, wird der Anteil an Einzelfahrten in einem nennenswerten Bereich bleiben, der sowohl für Betrieb als auch Fahrgäste zeitraubend ist. Als Beispiel sind Fahrkartenkäufe in Regionalbussen zu nennen, die mancherorts regelmäßig zu beträchtlichen Verspätungen führen und Zuganschlüsse gefährden können, wodurch alle Fahrgäste in einem Bus ihre Fahrt möglicherweise nicht wie gewünscht fortsetzen können. Ein anderes Beispiel sind Fahrkartenautomaten an Stationen, bei denen, wenn ein Fahrkartenkauf im Zug verboten ist, ein höherer Andrang zum Versäumen des Zuges führen kann, wenn der Bahnhof nicht schon 10 bis 15 Minuten vorher aufgesucht wird, was aus verschiedenen Gründen aber manchmal gar nicht möglich ist - etwa wenn die Fahrt zum Bahnhof per Bus erfolgt und das Fahrpersonal im Bus aufgrund eines knappen Anschlusses zum Zug keine Zeit hat, einen Fahrschein zu verkaufen. Eine reibungslos funktionierende Reisekette ist für die Akzeptanz des ÖV aber unerlässlich.
  • Schützt vor dynamischen Tarifen. Ein Pauschalpreis ist für den Fahrgast transparent und einfach. Streckenabhängige oder dynamische Fahrpreise, die sich nach Strecke und erwarteter Auslastung richten, sind wesentlich komplizierter, da Tariftabellen und umfangreiche Zonenpläne nicht niederschwellig sind, und intransparent, da eine vollständige Veröffentlichung oft unterbleibt. Intransparenz ist jedoch gegenüber Fahrgästen nicht vertretbar, da insbesondere bei Verwendung von Steuermitteln Nachvollziehbarkeit verlangt wird. Auch Fairness leidet bei dynamischen Tarifen: Wer in der Hauptverkehrszeit fährt, muss damit rechnen, weniger Platz im Fahrzeug zu haben als sonst. Sich davon freikaufen zu können, indem der Preis erhöht wird und der Zug weniger überfüllt ist, weil ihn sich manche Menschen nicht mehr leisten können, ist weniger fair, als wenn jeder Fahrgast gleich viel oder gleich wenig Platz hat. Wo massiver Kapazitätsmangel herrscht, muss fahrzeug- oder infrastrukturseitig ein Ausbau vollzogen werden, auch unter Einbeziehung von Verkehrsflächen, die derzeit noch dem MIV zur Verfügung zu stehen. Zunehmende Möglichkeiten von Gleitzeit und Homeoffice könnten die relative Überlastung von Spitzenzeiten mittelfristig abmildern, langfristig zusätzlich verstärkt durch die zunehmende Robotisierung und eine möglicherweise daraus resultierende Arbeitszeitverkürzung. Durch die Pandemie ist die Nutzung von Homeoffice stark gestiegen und neue erleichternde Rahmenbedingungen wurden geschaffen. Es ist somit eine Entlastung zu Spitzenzeiten aufgrund entfallender Arbeitswege zu erwarten.

Kritik weiter gedacht

  • Was nützt ein günstiges Ticket bei fehlendem ÖV-Angebot? Das Angebot muss in vielen Regionen ohnehin verbessert werden, will man ein klimagerechtes Verkehrssystem schaffen. Dank E-Bikes werden Räder auch in hügeligen Regionen zu geeigneten Zubringern zu Bahnhöfen oder Bushaltestellen. Wer hingegen schon im Auto sitzt, bleibt dort dann oft die gesamte Fahrt - denn eine abschreckende Wirkung der Parkplatzsuche gibt es außerhalb von Großstädten aufgrund großer Parkraummenge nicht und das Umsteigen auf den ÖV bleibt nur ein Wunsch.
  • Sollte nicht zuerst einmal das ÖV-Angebot verbessert werden? Ein gutes Angebot reicht nicht, wie viele Beispiele im regionalen Raum zeigen, wo ein dichter Fahrplan mangels Nutzung rasch wieder ausgedünnt wurde. Solange die politischen Mehrheiten fehlen, die Bepreisung von Autofahrten in einem Rahmen erfolgen zu lassen, der angesichts der externen Effekte angebracht wäre, muss der öffentliche Verkehr vom Tarifsystem her radikal vereinfacht und vergünstigt werden, um eine Nutzung anzuregen. Wird der Preis vorsorglich gesenkt, wird einer häufigen Ausrede der Nichtnutzung von ÖV die Grundlage entzogen.
  • Wollen wir nicht weniger Verkehr statt neuer Spaßfahrten? In der Freizeit durch die Gegend fahren zu können, sei es ins Umland einer Stadt oder für einen längeren Ausflug oder Urlaub in andere Bundesländer, ist etwas, das für viele Menschen zur Lebensqualität dazugehört. Dies gilt es daher zu erhalten, um ein Gefühl von Freiheitsentzug oder echte Einschränkungen in der Fortbewegung, wodurch etwa in Frankreich auch die Gelbwestenproteste mitentstanden sind, zu verhindern - aber ohne die jetzigen negativen Klimafolgen zu erzeugen. Öffentlicher Verkehr kann schon jetzt zum Teil und bald wahrscheinlich gänzlich ohne CO2-Emissionen stattfinden. Wird das Auto uninteressanter, können sich bei entsprechendem politischem Einsatz auch die durchs Auto entstandenen Strukturen im Umland von Städten räumlich erholen - und die Nähe wird für Erholungszwecke wieder interessanter.
  • Muss das bundesweite Ticket wirklich so billig sein? Das konzipierte, wenn auch nur teilweise umgesetzte 1-2-3-Schema hat den Vorteil, dass ein bundesweites Ticket günstig genug ist, um es zu kaufen, ohne dass der Kauf erst lange durchgerechnet und daher schnell wieder verworfen wird. Wäre das Schema etwa 1-2-5, also der Preis fürs Bundesgebiet gleich jenem für fünf Bundesländer, wäre die Attraktivität der bundesweiten Jahreskarte viel geringer und die Versuchung, den innerösterreichischen Urlaub, der in einem anderen Bundesland erfolgt, erst recht wieder mit dem Auto zu bewältigen, wäre viel höher. Und: Wird der Preis erhöht, steigt erst recht der Anreiz für reine Spaßfahrten, die nur erfolgen, damit sich das Ticket auszahlt. Bei einem niedrigen Preis amortisiert sich die Jahreskarte viel früher und der Druck, Spaßfahrten durchzuführen, sinkt. Und: Da das Ticket sehr billig ist, kann das von der öffentlichen Hand finanzierte Pendlerpauschale überall dort, wo ÖV-Nutzung zumutbar ist, auf diesen Preis reduziert werden.
  • Sind schlecht angebundene rurale Gebiete bei einem Pauschalpreis nicht benachteiligt, weil das Angebot dort viel dünner ist? Im Gegenteil: In Ballungsräumen gibt es schon jetzt häufig günstige Jahreskarten, während für rurale Gebiete in manchen Bundesländern teure Streckenkarten zu lösen sind. Mit einer pauschalen Jahresnetzkarte wird das Grundangebot, das laut Regierung zudem verbessert werden soll, preislich interessanter. Bei nur zwei Fahrtmöglichkeiten am Tag eine sehr teure Jahreskarte zu lösen, wie es jetzt der Fall ist, lässt die Option, den ÖV zu nützen, für viele Menschen ausscheiden.
  • Erzeugen günstige ÖV-Netzkarten Zersiedelung? Nicht günstiger öffentlicher Verkehr lässt Zersiedelung entstehen, sondern günstiger Autoverkehr und schlechte Raumplanung. Denn da öffentlicher Verkehr zerstreute Siedlungsteppiche nur schlecht erschließen kann, ist günstiger öffentlicher Verkehr kein Anreiz, in solch ein Gebiet zu übersiedeln. Das ist nur möglich, wenn der Autobesitz und die Autonutzung aufgrund mangelnder Internalisierung externer Effekte zu günstig sind und wenn die örtliche Raumordnung, wieder aufgrund mangelnder Internalisierung externer Effekte wie Versiegelung, die Zersiedlung an sich zulässt. Attraktiver öffentlicher Verkehr kombiniert mit intelligenter Raumplanung fördert die punktuelle Verdichtung rund um ÖV-Stationen anstatt der durch billigen Autoverkehr erzeugten Siedlungsteppiche mit Fachmarktzentren.